Für das Verständnis der
außerordentlich verschiedenartigen, mannigfaltigen Lebensvorgänge
und -erscheinungen in unseren Binnengewässern ist eine, wenn auch
nur kurze Skizzierung des Milieus, in dem dieses Leben abläuft,
unerlässlich. Neben den chemischen verdienen gleichermaßen die
physikalischen Verhältnisse im Gewässer Beachtung. Erinnern
wir uns in dem Zusammenhang an die im Gegensatz zum See für Tümpel,
Teich und Weiher charakteristische geringe Wassertiefe. Von ihr
lassen sich, wie wir noch sehen werden, fast alle Besonderheiten
dieser Flachgewässer ableiten.
Es gibt kein Gewässer in der Natur,
das völlig rein ist. Bedingt durch die sehr guten
Lösungseingenschaften des Wassers enthält es immer Stoffe
verschiedenster Art, die aus der Luft, dem Boden und von Lebewesen
bzw. aus deren Stoffwechselprozessen stammen. So sind im natürlichen
Gewässer nahezu alle Elemente vertreten. Auch im Niederschlagswasser
kommen, abgesehen von Stickstoff, Sauerstoff und Kohlendioxid, in
Abhängigkeit von der Belastung der Atmosphäre die
unterschiedlichsten Stoffe vor. Denken wir z.B. an die durch
Kernwaffentests anfallenden Radionuklide und die vor allem in
industriellen Ballungsgebieten im Niederschlagswasser gelösten oder
an festen Oberflächen (Staub) adsorbierten Luftverunreinigungen
(Ammoniak, Schwefeldioxid u.a.).
Von den gelösten Gasen sei zuerst der
Sauerstoff genannt. Seine Zufuhr erfolgt durch die Atmosphäre und in
Abhängigkeit von der Sonneneinstrahlung, Temperatur und dem
Nährstoffgehalt durch die Photosynthese der Wasserpflanzen.
Entsprechend der geringen Wassertiefe unterliegt der Sauerstoffgehalt
in den Flachgewässern starken täglichen und jahreszeitlichen
Schwankungen. Eine Sauerstoffsättigung wir vielfach nicht erreicht.
Andererseits kann durch die Massenentwicklung von Algen innerhalb
weniger Stunden eine Sauerstoffübersättigung entstehen. Die dadurch
verursachten Störung des bisherigen chemischen Gleichgewichtes
(PH-Wert-Anstieg) wirkt sich aber auf andere Organischen, z.B.
Rädertiere negativ aus. Sauerstoffzehrende Prozesse können in
flachen Teichen, im Gegensatz zum See, fast über Nacht eingeleitet
werden. Je stärker die Zufuhr organischer Stoffe, wie man es heute
leider bei vielen Dorfteichen sieht, anwächst, um so mehr herrschen
Fäulnisprozesse vor, der Sauerstoffschwund ist dann äquivalent
hoch.
PH-Wert von Wasser
Große Bedeutung für das Leben im
Wasser hat auch das Kohlendioxid. Ein Teil liegt in gebundener Form,
vor allem als Kalziumhydrogenkarbonat vor, von dem anderen,
physikalische gelösten Teile sind etwa 0,1% zu Kohlensäure
umgesetzt, die wesentliche den PH-Wert bestimmt, der ausdrückt ob
das Wasser sauer, neutral oder alkalisch ist. Neutrales Wasser
hat den PH-Wert 7. Je kleiner der Wert ist, umso saurer, je höher,
desto alkalischer ist das Wasser. Wir wissen dass der Ablauf der
meisten chemischen Reaktionen und biologischen Vorgänge wesentlich
vom PH-Wert abhängt. Er beeinflusst auch die Stoffwechselprozesse im
lebenden Organismus.
Die Ansprüche der Wasserorganismen an
den PH-Wert ihres Lebensmilieus sind ganz unterschiedlich. Sehen wir
uns nur einmal unter diesem Aspekt die Süßwasserfische an.
Für sie liegt der Bereich, in dem sie ohne Schaden zu nehmen leben
können, etwa durchschnittlich bei PH 5 bis PH 9,5. Von Art zu Art
ergeben sich natürlich unterschiedliche Werte. So wird für den
Hecht eine Spanne von 4,9 bis 10,7 PH-Wert, die Plötze von 6 bis 8
PH-Wert und beim Flussbarsch von 4,0 bis 9,2 PH-Wert angegeben. Beim
Karpfen kommt es bei einem PH-Wert unter 5,5 zu starken
Kiemenschädigungen (Säurekrankheit), im alkalischen Bereich treten
beim Werten von 9 und 10 Veränderungen an Kiemen und Flossen
(Laugenkrankheit) auf. Jeder Aquarienbesitzer weiß eigentlich aus
eigener Erfahrung, dass der PH-Wert im Komplex mit anderen Faktoren
auch entsprechende Bedeutung für die Eientwicklung hat. Hier stoßen
wir gleichfalls auf verschiedene Opimalwerte bei den einzelnen
Fischarten.
Die erwähnte Belastung der Atmosphäre
durch die fortschreitende Industrialisierung und Verstädterung
(Urbanisierung) beeinflusst zwangsläufig den PH-Wert der
Niederschläge. So ist nicht nur im Bereich der großen
Industriegebiete, sondern im gesamten zentraleuropäischen Raum
eine beachtliche PH-Wertabsenkung nachweisbar, ja man kann von einer
weltweiten Verbreitung der sauren Komponenten sprechen. Mit großer
Wahrscheinlichkeit geht die zunehmende Azidität der Niederschläge
auf das von der Industrie und dem Hausbrand emittierte Schwefeldioxid
zurück. Da auch weiterhin vorherrschend fossile Brennstoffe genutzt
werden, ist mit einer Verringerung der Schwefeldioxidbelastung der
Luft in nächster Zukunft nicht zu rechnen.
Welche Auswirkungen sich durch solche
Niederschläge bei einer möglichen, wenn auch seltenen,
Höchstbelastung für Oberflächengewässer ergeben können, zeigt
der Rückgang der Fischbestände (vor allem von Salmoniden) in Seen
der skandinavischen Länder. Durch teilweise sehr stark saure
Niederschläge (niedrigster Wert bei PH 3,3) war der Säuregrad in
diesen stehenden Gewässern in den letzten Jahren unter die besonders
für Lachs und Forelle zutreffende Toleranzgrenze abgesunken.
Ähnliche Folgen sind für den Fischbesatz der meisten Bäche und
Teiche im Raum des Erzgebirges bekannt.
Fundamentale Bedeutung kommt dem
Kohlendioxid in Hinblick auf seine Beteiligung an der Photosynthese
zu. Ohne anorganische gebundenen Kohlenstoff, der im Wasser in Form
von Kohlendioxid, Hydrogenkarbonat und Karbonationen in einem
PH-Wert-abhängigen Gleichgewicht vorliegt, wäre für die
Wasserpflanzen die Synthese von Kohlehydraten nicht möglich.
In allen Gewässern sind
Erdalkalimetalle, besonders Kalzium und Magnesiumsalze enthalten.
Letztere bedingen in Form von Karbonat, Hydrogenkarbonat und Sulfat
die sogenannte „Wasserhärte“. Die Bezeichnung „Härte“
geht darauf zurück, das Wasser mit einem reichen Anteil an diesen
Salzen beim Waschen einen ziemlichen Mehrverbrauch an Seife
erfordert. Die Seife fällt als unlösliche Kalk- bzw- Magnesiumseife
aus und verliert so ihre Waschwirkung. Unsere Hände bleiben unter
diesen Bedingungen „hart“ und spröde. Weiches Wasser, (relativ
„sauberes“ Regenwasser) ist folgerichtig arm an Kalzium- und
Magnesiumsalzen.
Durch Kochen verringert sich die
Wasserhärte, da die Hydrogenkarbonathärte zerstört wird. Sichtare
Auswirkung ist z.B. der an Tauchsiedern, in Elektroboilern, Kesseln
und Rohrleitungen abgesetzte Kalk- oder Kesselstein. Übrigens bleibt
die Nichtkarbonathärte, die auf dem Gehalt an Kalzium- und
Magnesiumsulfat beruht und daher als „Sulfathärte“ bezeichnet
wird. Beide Anteile zusammen bilden die Gesamthärte.
In jedem Gewässer spielen
Chloridverbindungen eine Rolle. Durch die fortschreitende
Gewässerverschmutzung treten dabei höhere Chloridgehalte
(besonders Natriumchlorid) auf. Stickstoff und Phospor sind wichtige
Bausteine zur Eiweißbildung. An anorganischen Stickstoffverbindungen
kommen Nitrat, Nitrit und Ammonium im Gewässer vor, geringe Menschen
davon enthält auch das Niederschlagswasser.
Werfen wir einen Blick auf einige
physikalische Gegebenheiten. Abgesehen von der geringen indirekten
Erwärmung durch Wärmeaufnahme aus der Luft und Boden wird das
Wasser vorwiegend durch Absorption von Energie der Sonnenstrahlen
in den oberen Wasserschichten erwärmt. Zum Wärmeverlust kommt es
vor allem durch Ausstrahlung, aber auch Verdunstung und Ableitung an
Luft und Boden. Für den Wärmetransport in die tieferen
Wasserschichten sorgt in erster Linie der Wind, der Wasserbewegung
erzeugt. Intensität und Wirksamkeit dieses Austauschprozesses stehen
in enger Beziehung zu den Dichteverhältnissen des Wassers. Je
kleiner sie sind, d.h. wenn keine großen Temperaturdifferenzen
zwischen Oberfläche und Grund bestehen, umso besser ist die
Durchmischung. Für unsere tiefen Seen ergeben sich dadurch dadurch
im Jahresablauf typische Zirkulationsverhältnisse
(Frühjahreszirkulation, Sommerstagnation, Herbstzirkulation,
Winterstagnation). Durch ihre relativ geringe Tiefe erwärmen sich
dagegen Weiher und Teiche in verhältnismäßig kurzer Zeit bis zum
Grund. Gleichermaßen schnell verläuft die Abkühlung. Mit
zunehmender Verringerung des Flächenausmaßes und Wasservolumens
werden die Milieubedingungen extremer. So wurden z.B im Frühjahr in
einem Almtümpel bei intensiver Sonneneinstrahlung mittags 28 Grad
Celsius gemessen, obwohl ihn in den Morgenstunden noch eine dünne
Eisschicht überzog. Messungen in einem weiteren Tümpel ergaben eine
Temperatur von 15 Grad Celsius, während durch einsickerndes
Schmelzwasser an einer anderen Stelle des gleichen Tümpels nur 0
Grad Celsius herrschten. Auch im Flachland sind ähnliche thermische
Verhältnisse nachweisbar. Waldweiher zeigen naturgemäß einen viel
ausgeglicheneren Temperaturhaushalt als die im offenen Gelände
liegenden Wiesenweihe. In arktischen Gebieten ist übrigens
durch den Wechsel von Polarnacht und -tag der Temperaturwechsel im
Tages- und Jahresablauf weniger kontrastreich.
Nach amerikanischen Untersuchungen
nehmen die auf stehenden Flachgewässern weit verbreiteten
Schwimmpflanzenteppich die eingestrahlte Sonnenenergie weitaus
stärker als unbedeckte Wasserflächen auf. So wurden in dichten
Decken von Wasserlinsen (Lemnaceae) gegenüber der freien
Wasserfläche um 4 bis 11 Grad Celsius höhere Temperaturen
ermittelt, die Tagesschwankungen der Temperatur waren um 3,5 bis 7,7
Grad Celsius größer. Auch die unmittelbar unter den Pflanzendecken
liegenden Wasserschichten wiesen höhere Temperaturen auf. Dadurch
dass unter den oben geschilderten Bedingungen in Flachgewässern in
relativ kurzen Abständen Teil- sowie Vollzirkulationen ablaufen,
kommt es gleichzeitig zur Umschichtung aller im Wasser gelösten
Stoffe. So wird das eingangs bei der Behandlung der
Sauerstoffsituation zitierte plötzliche Massen auftreten von Algen
verständlich. Schließlich sei noch erwähnt, dass die im Sommer am
Weiherboden vorliegenden hohen Temperaturen den Verlauf des
mikrobiellen Abbaus und der chemischen Prozesse fördern.
Die verschiedenen im Wasser enthaltenen
Schwebstoffe, einschließlich der in großen Mengen freischwebenden
Lebewesen, die gelösten anorganischen und organischen Stoffe,
beeinflussen verständlicherweise die optischen Eigenschaften eines
jeden Gewässers. Dies gilt u.a. für die Strahlungsdurchlässigkeit
und nicht zuletzt die Farbe der Gewässer.
Das sich im Wasser widerspiegelnde Blau
des Himmels, Grün des Waldes und Rot des Sonnenunterganges hat mit
der eigentlichen Gewässerfarbe nicht gemein. Scharf davon zu trennen
sind auch die bei seichten Gewässern durch die Reflexion des Bodens
(weißer, gelber Sand usw.) entsprechenden Verfärbungen. Reines
Wasser weist in dicker Schicht einen blauen Eigenfarbton auf. Diese
Farbe ist daher für natürliche Gewässer, die ausgesprochen arm an
organischer Produktion sind, typische. Durch Beimischung von
Huminstoffen (aus modernen Falllaubschichten, angrenzenden Mooren
usw.) kommen grüne, gelbe und braune Farbtöne zustande. So weisen
verschiedene in südschwedischen Moorgebieten liegenden
Gewässer einen bräunlichen Wasserkörper auf. Recht verschiedene
Farbtönungen erhalten die Gewässer durch Massenwicklung mancher
Bakterien-, Blaualgen- und Algenarten, die „Vegetationsfärbungen“
erzeugen. Die Intensität einer solchen Färbung nimmt außerdem noch
zu, wenn sich die Algen näher an der Wasseroberfläche befinden.
Durch große Massen bestimmter Kieselalgen erscheint Wasser z.B.
gelblich von Grünalgen grünlich, während Blaualgen je nach ihren
Gehalt an Assimilationsfarben mehrere Grün-Nuancen bist rötliche
Tönungen bedingen können.
Mitunter kann aber auch ein Massen
auftreten von einigen Wasserfloh- und Schwebekrebsarten in Tümpeln
und kleineren ausdauernden Flachgewässern Einfluss auf die
Gewässerfarbe nehmen.
Bei anhaltendem Frostwetter geht
das Wasser vom flüssigen in den festen Zustand über. Wegen seiner
geringen Dichte schwimmt das Eis an der Wasseroberfläche. Wenn wir
einmal von Tümpeln und sehr flachen Gewässern absehen, die bei
strenger Kälte bist zum Boden durch frieren, dann kann selbst im
stärksten Winter die Temperatur in der Gewässertiefe nicht unter
das Dichtemaximum, d.h. etwa 4 Grad Celsius absinken. Auf diese Weise
ist es zahllosen Wasserorganismen möglich, die kalte Jahreszeit zu
überdauern.
Schließlich liegt Wasser auch im
gasförmigen Zustand vor. Durch Verdunstung gibt jede
Wasseroberfläche Wasserdampf an die ungesättigte Lufthülle ab.
Dieser im Gegensatz zur Wasserabgabe der Pflanzen (Transpiration),
die in gewissem Umfang physiologisch steuerbar ist, als Evaporation
bezeichnete Vorgang wird von mehreren Faktoren , z.B.
Sättigungsdefizit, der Temperatur, dem Luftdruck, beeinflusst.
Unsere Tümpel trocknen im Sommer durch Verdunstung restlos aus. In
ihnen können daher nur Arten leben, die sich an die extremen
Milieubedingungen dieser temporären Gewässer angepasst haben. Neben
der fundamentalen Bedeutung, die der Verdunstung als Teilposten des
seit etwas 4 Milliarden Jahren bestehenden Wasserkreislaufes
in der Natur zukommt, soll in dem Zusammenhang auch die Beeinflussung
der klimatischen Verhältnisse (z.B. des Standortklimas) nicht
unerwähnt bleiben.














