Wer frisst wen,
unter welchen Bedingungen, in welchen Mengen? Die Beantwortung dieser
Fragen ist nicht nur von theoretischem Wert. Letztlich leiten sich
davon auch Schlussfolgerungen und Maßnahmen für den Erhalt
bestehender Nahrungsgrundlagen sowie die Erschließung neuer
Nahrungsquellen ab.
Der Meinungswandel
zur aufgeworfenen Problematik wird beim Lesen älterer Literatur
besonders deutlich. Liest man einmal in der „Allgemeinen
Naturgeschichte für alle Stände“ des Naturforschers L. Oken aus
dem Jahr 1833 nach:
„Die Zahl der
Individuen lässt sich zwar noch keineswegs bestimmen, indessen gibt
es doch einige Anhaltspunkte, welche einige Möglichkeiten zeigen. Es
ist gewiss, dass zuletzt alle Tiere vom Pflanzenreich leben,
und dass mithin das Gewicht beider Reiche gleich sein müssen. Könnte
man annehmen, dass die Hälfte des trockenen Landes mit Wald bedeckt
wäre, so ließe sich ungefähr das Gewicht aller Pflanzen bestimmen.
Es ist ferner
gewiss, dass alles fleischfressenden Tiere zuletzt von
Pflanzenfressenden leben und das mithin die Masse beider Haufen
ebenfalls gleich sein müsse und jeder so schwer als die Hälfte des
Pflanzenreichs. Vielleicht haben auch die vier oberen Tierklassen
eben soviel Masse als die unteren, indem sie an Größe ersetzen, was
diese an Zahl voraus haben. Das Gewicht der Säugetiere könnte
wieder so groß sein, wie das der Vögel, Amphibien und Fische
zusammen. Hätte man auf dieser Art die gesamte Fleischmasse der
Säugetiere bestimmt, so könnte man sie auf die 1.500 Gattungen
verteilen und so würde es sich ergeben, warum die Zahl der kleineren
Tiere höher steigt als die der größeren. Es käme sodann nur
darauf an, auch das Gesetz aufzufinden, wonach sich die Größe des
Leibes richtet. So hat der Mensch wahrscheinlich die mittlere Größe
zwischen den Walfischen, Elefanten, Löwen usw. und zwischen den
kleineren Vögeln, Amphibien, Fischen, Insekten usw.. Die Masse aller
Menschen würde daher an Gewicht so viel betragen, als alle Tiere
zusammen. Berechnet man das Gewicht des einzelnen Menschen auf einen
Zentner, so würden also so viel Hundert Millionen Menschen vorhanden
sein können. Auf diese Weise könnte man vielleicht auch die Zahl
der Elefanten, Löwen usw. bestimmen.
Auch
gegenwärtig sind Angaben über Individuenzahl (Bestand) und -dichte
einer Population (Fortpflanzungsgemeinschaft von Individuen in einem
bestimmten Lebensraumabschnitt) oder den Gesamtbestand einer Art nach
wie vor Teildisziplinen der Biologie wie der Pflanzen-,
Tiergeographie, Soziologie, Verhaltens-, Fortpflanzungsbiologie.
Vergessen sollte auch nicht die Bedeutung für den Naturschutz!
Allein schon die exakte Bestandsaufnahme in einer lokalen Population
verläuft aber nicht immer reibungslos und bereitet oft beachtliche
methodische Schwierigkeiten. Trotz Einsatz moderner Methoden ist auch
der Nahrungs- und Energiestrom häufig nur schwer zu ermitteln. Unter
natürlichen Verhältnissen sind die Nahrungsketten meist recht lang.
Aufgrund ihrer engen gegenseitigen Verflechtungen liegt in
Wirklichkeit ein weitverzweigtes Nahrungsnetz vor. Reich
strukturierte Lebensstätten zeichnen sich durch eine entsprechende
Mannigfaltigkeit an Verknüpfungen aus. In wenig gegliederten
Biozönosen ist dagegen das Abhängigkeitsgefüge weitaus lockerer.
Durch Populationsschwankungen, Dezimierung von Arten, Zu- oder
Abwanderung usw. kommt es an verschiedenen Knotenpunkten des Netzes
zu Änderungen. Nach einer gewissen Zeit hat sich aber das
verwickelte Gesamtgefüge wieder eingepegelt.
Betrachtet
man eine beliebige Wasserflohart. Sie ernähren sich nicht nur von
verschiedenen Algenarten, sondern verwerten auch tierische Vertreter
des Planktons oder Aufwuchses. Der Wasserfloh dient seinerseits
vielen Arten, die selbst auch nur Glieder unterschiedlicher
Nahrungsketten sind, als Nahrungsbasis. Es ist somit Zwischenglied
bzw. Knotenpunkt zahlreicher Ketten. Zu seinen Konsumenten zählen
z.B. Süßwasserpolypen (Hydridae), räuberische Süßwassermilben
(Hydrachnellae), viele Wasserinsekten und deren Larven, Fische sowie
Wassermolche (Triturus). Als Kuriosum sein noch das Erbeuten durch
Wasserschlaucharten
(Utricularia) erwähnt.
Diese submers lebenden fleischfressenden
Pflanzen tragen eine
Vielzahl wassergefüllter Blasen (Utrikel), deren Funktion als
Tierfalle fast zur gleichen Zeit vom Botaniker Charles Darwin (1875)
erkannt wurde. Sobald ein Plankter die am Blaseneingang stehenden
Fühlborsten berührt, springt die Blasenklappe nach innen auf. Durch
den im Inneren herrschenden Unterdruck (Unterdruckfalle) des
Wasserschlauchs, wird das Wasser und mit ihm das Tier eingesogen.
Eiweißspaltende Fermente bewirken die Verdauung dieser Stickstoff-
und Phosphorhaltigen Zusatznahrung.
Zwischen den einzelnen Nahrungsstoffen bestehen hinsichtlich ihrer
Energiewerte mehr oder weniger deutliche Unterschiede. So besitzen
z.B. Wasserflöhe einen höheren Wert als Kieselalgen. Da die
Energiebilanz eines Organismen in Abhängigkeit vom Alter, der Größe
und anderen Faktoren schwanken kann, sind zur Erfassung der
Konsumentenkette laufenden Energieflusses außerordentlich
umfangreich.
Nach
Magenanalysen besteht die Hauptnahrung der Lachmöwen
(Larus ridibundus) bei
einer Untersuchung in den Teichgebieten der Oberlausitz,
hauptsächlich aus Regenwürmern (Lumbricidae), Ruderwanzen
(Corixidae), Luafkäfern (Carabidae), Schnellkäfern (Elateridae),
Blatthornkäfern (Scarabaedae), Schnaken (Tipulidae), Fischen und
Kleinsäugern (hauptsächlich Feldmäusen).Als Gelegenheitsnahrung
sind für die Lachmöwe z.B. Eintagsfliegen, Libellen oder die Larven
der Knoblauchkröte einzustufen. Schließlich findet man in den
Nahrungsproben mancher Arten nur in ganz geringer Zahl oder in
Einzelexemplaren, d.h. als Zufallsnahrung, vor. Wird die
Zusammensetzung der Altvogelnahrung der Lachmöwe unter
jahreszeitlichen Aspekten untersucht, so treten besonders beim
Zuschnitt auf die dominierenden Beutetiergruppen deutliche
Unterschiede zutage. Zur Zeit der Frühjahresbestellung bzw.
Feldarbeiten, wenn die Möwen überwiegend auf den Äckern nach
Nahrung suchen, zählen beispielsweise Regenwürmer zu den
charakteristischen Beutetiere. Der Fischanteil ist in den
Herbstmonaten, also beim Abfischen der Teiche am größten. Auch die
Witterung wirkt sich spürbar auf die Nahrungszusammensetzung aus.
Bei regnerischem Wetter werden vermehrt Regenwürmer, an heiteren
Tagen – entsprechende dem Insektenflug - Insekten von den Möwen
erbeutet. Natürlich unterscheidet sich auch die Jungvogelnahrung von
der adulter Tiere. In erster Linie weist das Nahrungsspektrum der
Jungen Lachmöwen einen weitaus geringeren Fischanteil auf. Außerdem
liegt offenbar ein größerer Prozentsatz an Regenwürmern vor.
Auch
bei den anderen Arten ist das Nahrungsspektrum nicht konstant.
Insektenlarven ernähren sich anders als die Imagines, gleiches gilt
für Kaulquappen und Frösche.
Bei solchen Beobachtungen und Analysen bleiben Überraschungen nicht
aus. Insekten können Wirbeltiere verzehren! Die räuberischen Larve
des Gelbrand (Dytiscus marginalis) packt sogar kleinere Fische,
Molche und Kaulquappen. Laufkäfer überwältigen gelegentlich eine
frisch geschlüpfte Ringelnatter. Von den verschiedenen
Ernährungsgewohnheiten leiten sich hinsichtlich der Nahrungsaufnahme
ganz bestimmte Typen ab.





