Kontakt mit der Natur halten oder
suche, das bedeutet , den „unentbehrlichen“ fahrbaren Untersatz
zu verlassen, sogar einen längeren Fußmarsch nicht zu scheuen, vor
allem aber Zeit und Muße für Beobachtungen aufzubringen. Es
erfordert, mit offenen Augen durch die Landschaft zu gehen und
auch weniger auffällige Lebensvorgänge und Organismen zu entdecken.
Gerade am Gewässer bietet sich dazu eine Fülle von Möglichkeiten.
Achten wir nur einmal auf das rege
Leben an der Grenzfläche zwischen Luft und Wasser, am
Oberflächenhäutchen des Gewässers. Es entsteht durch die
Oberflächenspannung des Wassers und ist mit einer dünnen, relativ
elastischen Membran vergleichbar, die einer großen Zahl von
Organismen als Haft-, Kriechfläche und „Laufbahn“ dient. Während
sich das Häutchen an einem benetzbaren Körper fest anlegt und ihn
ins Wasser zieht, weicht es von einem unbenetzbaren, selbst wenn er
etwas spezifisch schwerer als Wasser ist, zurück und setzt seinem
Durchdringen Widerstand entgegen. Erinnern wir uns an den
einprägsamen Schulversuch mit einer eingefetteten Nähnadel, die im
Wasserglas nicht unter sinkt. Die auf dem Oberflächenhäutchen
lebenden Organismen müssen demnach vor allem unbenetzbar sein,
dürfen aber in keinem Fall eine bestimmte Gewichtsgrenze
überschreiten, da sie sonst die Oberflächenspannung
überwinden und im wahrsten Sinne des Wortes „einbrechen“ würden.
In der Fachliteratur hat sich für die
an diesem Lebensraum (auf der Wasseroberfläche) angepassten
Formen der Begriff „Neuston“ eingebürgert. Obgleich er meist auf
Mikroorganismen, Bakterien, Algen und Pilze, begrenzt wird, verstehe
ich darunter die Gesamtheit der im Bereich des Wasserhäutchens
lebenden Organismen, zählen also auch die vielfältigen
makroskopischen Vertreter dazu.
Warum versinken Wasserläufer nicht auf der Wasseroberfläche?
Am auffälligsten sind sicher die
geselligen, oft zu Hunderten vorkommenden Wasserläufer.
Scheinbar mühelos und mit meist verblüffender Schnelligkeit gleiten
die zu den Landwanzen (Geocorisae) zählenden Tiere über die
Wasserfläche dahin. Am besten sind die Gerriden, d.h. die
eigentlichen Wasserläufer, an diese Verhältnissen angepasst. Die
Hüften ihrer beiden hinteren Beinpaare liegen seitlich am Körper,
so dass die ungewöhnlich langen Beine weit vom Körper abstehen und
diesen wie die Ausleger eines Südseekanus vor dem „Kentern“
bewahren. Dagegen sind die Vorderbeine wesentlich kürzer gehalten.
Sie dienen zum Fangen der vom Wind auf das Wasser verwehten Insekten
und berühren bei der Fortbewegung nur mit den Fußspitzen das
Wasser. Apropos Fußspitzen! Die sonst am Ende des letzten Fußgliedes
(Tarsengliedes) befindlichen Krallen liegen bei allen auf dem Wasser
lebenden Wanzen formen in einer mehr oder weniger gut ausgebildeten
Einkerbung vor der Fußspitze und sind dazu weitgehend einschlagbar.
Somit kann das Wasserhäutchen nicht durchstoßen werden.
Für die Unbenetzbarkeit der Tiere
sorgt übrigens ein feiner, dichter Haarfilz, der außerdem an den
Beinen auf recht komplizierte Weise noch zusätzlich mit einem aus
der Schnabel spitze austretenden fetthaltigen Sekret imprägniert
wird.
Wenn genau auf die Fortbewegung
geachtet wird, dann fällt auf, dass die langen Mittelbeine gleichsam
wie Ruder arbeiten, während die Hinterbeine Steuerungsfunktion
übernehmen. Durch einen einzigen kräftigen Ruderschlag können die
Gerriden über 50cm, manchmal sogar bis 1m weit nach vorne schnellen.
Es darf daher nicht überraschen, dass meist weite vegetationsfreie
Wasserflächen bevorzugt werden, wo sie sich ungestört bewegen
können.
Bei Sonnenschein zeichnen sich
am Grunde flacher und klarer Tümpel
sehr schön die Schattenbilder der Wasserläufer ab. Neben dem
Körperschatten erkennt man an jder Fußspitze einen kleineren
kreisförmigen oder ovalen Schatten, der auf die Eindellung des
Oberflächenhäutchens zurückgeht und recht anschaulich dessen
Elastizität widerspiegelt.
Auch einige Spinnenarten fühlen sich
in diesem Lebensraum heimisch. So läuft die 12 bis 18mm lange
Listspinne (Dolomedes fimbriatus) von einem Schwimmblatt aus
geschickt über die Wasserfläche, indem sie ihr 2. und 3. Beinpaar
als Doppelruder gebraucht. Das Weibchen schleppt sogar seinen Eikokon
mit sich herum, den es selbst bei drohender Gefahr nicht im Stich
lässt, wenn sich das Tier plötzlich zur Verblüffung des
Beobachters auf Tauchstation begibt. Schnell klettert es an einem
Pflanzenstengel ins Wasser hinab und hält sich dort gut 5 bis 10
Minuten auf. Obwohl diese Art verbreitet und keineswegs selten ist,
tritt sie aber nicht in großer Individuendichte auf.
Ganz anders liegen die Verhältnisse
bei den Springschwänzen (Collembola), winzigen, meist 1 bis
2mm langen flügellosen Insekten, die im Frühjahr in enormen Scharen
am Gewässerrand vorkommen. Es sieht aus, als hätte jemand
stellenweise Schießpulver auf das Wasser gestreut. Wirft man ein
Steinchen dorthin, dann springen die blauschwarzen Körnchen
auseinander und sammeln sich bald an anderer Stelle wieder an. Die
walzenförmigen, mitunter fast kugelrunden Tierchen können nicht nur
beachtliche Sprungweiten, die teilweise das 20 bis 30fache ihrer
Körperlänge betragen, erzielen, sondern auch erstaunliche
Sprunghöhen. Zum Springen dient den Springschwänzen eine am vierten
Hinterleibssegment an sitzende Sprunggabel (Furca). Sie liegt in
Ruhestellung nach vorn umgeschlagen unter dem Bauch und ist dort in
einer speziellen Halteeinrichtung (Retinaculum) arretiert. Beim
Sprung wird die Gabel des Springschwänzen dann nach hinten
geschnellt und stößt so das Tier mit ziemlicher Wucht vom
Oberflächenhäutchen ab. Danach geht sie sofort wieder in die
Ausgangsstellung zurück.
Am eindrucksvollstem tritt die
Massenproduktion bestimmter Mikroorganismen in diesem Bereich in
einer Vegetationsfärbung zutage. Haut artige, vielfach auffallend
gefärbte Überzüge können sich im zeitigen Frühjahr schon
nach mehreren sonnigen Tagen auf einem Tümpel oder Weiher bilden.
Eines der bekanntesten Beispiele ist
die „Wasserblüte“ der weitverbreiteten Goldglanzalge
(Chromulina rosaoffii). Die winzigen, nur 6 bis 9 µm
großen Flagellaten steigen zur Oberfläche empor, durchbohren das
Wasserhäutchen und scheiden eine kugelige Gallerthülle ab, die mit
einem Stielchen – bei anderen Algen-Gattungen mittels einer
Haftscheibe – dort festsitzt. Ihre zum Lichteinfall orientierten
und als Reflektoren wirkenden Chromatophoren (Farbstoffträger) rufen
auf auf der Wasseroberfläche einen goldschimmernden Glanz hervor.
Sobald man jedoch die Blickrichtung ändert, erlischt er wieder, und
auf dem Wasser fällt lediglich noch eine feine graue „Staubschicht“
auf. Werden die Zellen mit Wasser benetzt, dann wandeln sie sich
binnen weniger Sekunden erneut in eine frei bewegliche Form um.
Völlig
andere Anpassungen haben die Taumel-
oder
Kreiselkäfer
(Gyrinidae)
entwickelt, die zwar nicht laufen oder springen, aber beachtlich gut
schwimmen können. Vom zeitigen Frühjahr an ziehen sie auf der
Wasseroberfläche ihre Kreise und jagen in kleineren oder größeren
Gesellschaften mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit dahin. Der
gut eingefettet Körper ist fast stromlinienförmig gebaut. Von den
Beinen, die stets unter Wasser bleiben, sind die beiden hinteren
Paare stark verkürzt und zu hochspezialisierten Schwimmbeinen
umkonstruiert. Die Schlagfrequenz der Hinterbeine liegt bei etwa 50
Ruderschlägen pro Sekunde, die der Mittelbeine ist um die Hälfte
niedriger. Ein interessante Umgestaltung zeigen auch die Augen. Sie
sind durch eine Furche (Fühlergrube), in der beim Schwimmen die
kurzen Fühler liegen, in eine obere, für das Sehen in der Luft, und
eine untere, für das Sehen im Wasser zuständige Hälfte geteilt.
Schließlich verfügen die Käfer über ein im 2. Fühlerglied
lokalisiertes, hochempfindliches Sinnesorgan (Johnstonsches Organ).
Mit dessen Hilfe können sie bei ihrer rasenden Fahrt offenbar
Hindernisse rechtzeitig orten.
Auch auf der Unterseite des
Oberflächenhäutchens leben zahlreiche Organismen. Zu ihnen gehören
vor allem die äußerst gewandten Rückenschwimmer (Notonectidae),
die durch ihre Lufthülle stark überkompensiert (leichter als Luft)
sind. Das geringere spezifische Gewicht ermöglicht es ihnen, mühelos
und selbst ohne Schwimmbewegungen aus dem Pflanzengewirr zur
Oberfläche aufzusteigen. Ihr Körper nimmt dabei zum Wasserhäutchen
einen Winkel von nicht ganz 45 Grad ein, die beiden vorderen
Beinpaare des mit dem Rücken nach unten empor treibenden Tieres sind
nach oben gespreizt. Der Auftrieb reicht allerdings nicht aus, die
Oberflächenspannung zu überwinden. Mit den benetzbaren Fußgliedern
und der Hinterleibsspitze wird das Wasserhäutchen lediglich von
unten her etwas eingedellt. Es liegt demnach genau die umgekehrten
Verhältnisse wie bei den Wasserläufern vor. Durch Schwimmstöße
seiner Hinterbeine gleitet der Rückenschwimmers in dieser Haltung
an der Wasserfläche entlang. Gejagt wird alles, was sich bewegt und
die passende Größe besitzt. Wenn die Vorderbeine eine Insektenlarve
oder Kaulquappe gepackt haben, wird sie „mundgerecht“ gehalten,
mit einem Stich getötet und ausgesaugt. Während des gesamten
Fressaktes stützt sich der Rückenschwimmer in der oben
beschriebenen Weise gegen die Wasseroberfläche ab. Soll das
Wasserhäutchen durchbrochen werden dann ist dazu ein kräftiger
Schlag der Hinterbeine erforderlich, der das Tier regelrecht
emporschnellt.
Ähnlich geschickt wie die Wasserläufer
auf der Oberseite des Wasserhäutchen laufen viele kleine Wasserkäfer
auf dessen Unterseite entlang. Dazu gesellen sich verschiedene
Käferlarven, die hier, wie z.B. die der Sumpffieberkäfer
(Helodidae), nach Nahrung suchen. Auch Gelbrandkäferlarven bleiben
längere Zeit mit ihrem die Atemöffnung umgebenden unbenetzbaren
Haarkranz am Wasserhäutchen hängen. Oder die Larven der Fiebermücke
(Anopheles), die sich ständig in diesem Lebensraum aufhalten und
lediglich bei Gefahr abtauchen. Da ihnen im Gegensatz zu den
Gelbrandkäfern und Stechmückenlarven der Gattung Culex ein Atemrohr
fehlt und ihre Atemöffnungen flach auf der Rückseite des
Hinterendes ausgebildet sind, liegen sie horizontal zum
Oberflächenhäutchen. An ihm haften sie mit den Atemverschlusskappen
und besonders, fächerförmig verzweigten Rückenhaare fest. In
dieser Lage lässt sich ihr nach unten gerichteter Mund sowohl rechts
als auch links um 180 Grad zur Wasseroberfläche hin drehen, sodass
alle auf dem Wasser treibenden Nahrungspartikel zum Mund gestrudelt
werden können. Bei der Bekämpfung der Fiebermücken, die
bekanntlich die Erreger der Malaria (Plasmodium malariae) übertragen,
macht man sich diese spezifische Lebensweise zunutze. Auf den
Wasserspiegel gesprühte Insektizide sollen weitgehend nur die
Anopheles-Larven der Fiebermücke vernichten.
Neben Insekten, die von der Kohäsion
des Wasserhäutchen Gebrauch machen, finden sich natürlich auch
Vertreter anderer Gruppen. So hängen Rückenschwimmer-Muschelkrebse
(Notodroma monacha) und von den schienenförmigen Bauchkanten
ihrer Schalenklappen an der Unterseite des Oberflächenhäutchens und
filtrieren dort die Kahmhaut ab.
Spitzhornschnecken (Lymnaea
stagnalis), aber auch einige andere Schneckenarten gleiten mit
ihrer breiten Fußsohle am Wasserspiegel entlang, während das
Gehäuse ins Wasser hinabhängt. Wie bei den Landschnecken, deren
„Kriechspur“ wohl gut bekannt ist, wird am vorderen Fußende ein
Schleimfilm erzeugt, den die Sohlenwimpern nach hinten befördern. An
diesem Schleimband „heftet“ sich die Schnecke fest.
Mit Hilfe von Schleim, den Hautdrüsen
am Körperrand abscheiden, können auch verschiedene Strudelwürmer
mit der Rückseite nach unten am Wasserhäutchen dahin kriechen. Eine
der schönsten Strudelwurmarten des Süßwassers, der glashelle und
bei günstigem Licht durchsichtige Glas-Strudelwurm (Mesostoma
ehrenbergi), kann sogar Schleimfäden spinnen, die ihm zum Fang von
kleinen Krebsen und z.B. auch zum Herablassen von der
Wasseroberfläche dienen. Mitunter hängen Süßwasserpolypen mit
ihrer Fußscheibe am Wasserhäutchen und lassen sich frei im Wasser
dahintreiben.
Netzmittel, Mineralöle und
Mineralölprodukte können diese Lebensgemeinschaft des
Oberflächenhäutchens erheblich schädigen. Im Zuge der zunehmenden
Gewässerverschmutzung sind die stehenden Kleingewässer in
dieser Hinsicht besonders bedroht. Denkt man nur an die Fülle der
verschiedenartigsten Kanister, Dosen und Kunststoffbehälter, die
selbst weit von jeder Ansiedlung entfernt die Tümpel „zieren“.
Wie aus einer Untersuchung hervorgeht, zählten dort Behälter für
Benzin und Ölprodukte mit einem Fassungsvermögen von 1 bis 20 Liter
zu den häufigsten Abfällen in Kleingewässern. Dosen und Kanister
für Motoröle rangierten dabei an erster Stelle. Die in ihnen
verbliebenen Ölreste und oft nicht unerheblichen Restbestände
anderer schädlicher Stoffe bilden eine akute – wenn auch zeitlich
begrenzte – Gefahrenquelle.
So gehen z.B. unter dem Einfluss von
Netzmitteln Wasserläufer buchstäblich unter, und die Lufthülle der
Wasserinsekten schwindet. Nach Freilandbeobachtungen und
experimentellen Untersuchungen gefährdet oder vernichtet ein die
Wasseroberfläche überziehender dünner Ölfilm vor allem die
Insekten, die sich hier zur Nahrungssuche, Atmung und zum Schlüpfen
aufhalten. Die einzelnen Arten und Gruppen reagieren allerdings
unterschiedlich auf den Ölfilm. Interessant ist in dem Zusammenhang
die Tatsache, dass sich Sumpfdeckel, Spitzhornschnecken, Kugel- und
Erbsenmuscheln nicht nur als weitgehend unempfindlich erwiesen,
sondern Öl sogar in teilweise großen Mengen – vermutlich infolge
der beachtlichen Anhäufung ölabbauender Bakterien – aufgenommen
hatten.


















