Prachtvolle Seerosenbestände mit ihren
großen, herrlichen Blüten gehören leider mehr und mehr der
Vergangenheit an. Dort, wo diese Zierde unserer Gewässer noch
beheimatet ist, erfreuen sich an ihr alljährlich besonders jene, die
den einförmigen Betonfassaden der Städte für Stunden oder ein
Wochenende entflohen sind. Ein Bruchteil der Natur in den Alltag, das
eigene Heim zu entführen, dies ist das Ziel vieler Fotoamateure. Im
Lebensraum der Gewässer bedeutet das u.a. Jagd nach dem Motiv
„Seerose“. Das Ergebnis hat sicher jeder schon in vielen
Varianten gesehen.
Wer vermutet aber schon eine
regelrechte Explosion des Lebens an den erst vor kurzem
emporgeschossenen und so unscheinbar aussehenden Schwimmblättern der
Seerose? Ihre „Funktion“ als Rast- und Ruheplatz fällt noch am
meisten auf. Dafür sorgen vor allem Libellen und Wasserfrösche. Sie
alle, „Leicht- und Schwergewichte“, trägt das Blatt der Weißen
Seerose (Nymphaea albe). Für manches vom Wind auf des Wasser
getriebene Insekt dient es als rettende Insel. Mannigfaltige
Fraßspuren weisen auf phytohage Insekten hin.
Häufig geht der Fraß auf
Seerosen-Blattkäfer (Galerucella nymphaea) zurück, die sich
gelegentlich in Seerosen-Zuchtteichen sehr unangenehm bemerkbar
machen können. Ihre ganze Entwicklung vollzieht sich auf der
Oberseite des Seerosenblattes. Allerdings waren zur erfolgreichen
Existenz in diesem für Blattkäfer völlig atypischen Lebensraum
einige besondere Anpassungen notwendig. So sind die Käfer
unbenetzbar. Ein kurzzeitiges Überfluten oder Unterrauchen schadet
ihnen also nicht. Ihre dickschaligen Eier, die auf der Blattoberseite
starken Temperaturschwankungen ausgesetzt sind, weisen eine
beachtliche Hitze- und Austrocknungstoleranz auf. Besonders
bemerkenswert ist die Fraßtechnik der Larven und Käfer.
Seerosen-Blattkäfer vermeiden
einen „Lochfraß“ und fressen nur die obere Epidermis (Oberhaut)
sowie die oberen Schichten des Schwammparenchyms an. Auf diese Weise
behält das Seerosenblatt seine ursprüngliche Lage bei, während ein
durchlöchertes Schwimmblatt absinken und damit den gesamten
Larvenbestand vernichten würde. Die Puppen bleiben mit der Spitze
des Hinterleibes auf der bei der letzten Larvenhäutung abgestreiften
Haut sitzen. Dieser „Socke“ hebt die Seerosen-Blattkäfer über
die Blattoberfläche empor und bietet ihnen einen besseren Schutz vor
Benetzung.
Vom
Blattgewebe der Seerosen ernähren sich auch die Larven verschiedener
Zuckmücken (Chrionomidae), die mit ihren winzigen Fraß- und
Wohngängen die Schwimmblätter aushöhlen. Ausserdem werden die
Blätter von den aquatisch lebenden Larven des Seerosenzünslers
(Nymphula nymphaeata), eines Wasserschmetterling,
zerfressen.
Die
„Stammbelegschaft“ des Seerosenblattes
ist zweifellos die Lebensgemeinschaft des Aufwuchses. Sie besteht aus
unzähligen Organismen, die in einem dichten Belag der
Blattunterseite anhaften, ohne dabei in das Gewebe einzudringen und
Nährstoffe zu entziehen. Eine Welt voller Vielfalt und Wunder.
Aus
dem im Gewässergrund mit einem Kranz von Wurzelhaaren verankerten
Wurzelstock (Rhizom) treiben Jahr für Jahr nach der Winterruhe neue
Blätter zur Wasseroberfläche empor. Anfangs sind die Seerosen
relativ zart und besitzen noch keine Spaltöffnungen (Stomata).
Sobald die Wasserfläche erreicht ist, vollzieht sich jedoch ein
deutlicher Wandel. Ihre Katikula wird lederartig und wirkt vor allem
auf der Blattoberseite der Seerose stark wasserabweisen. Dazu gibt
die Seerose dem gesamten Blatt etwas mehr Stabilität. Jetzt bilden
sich Spaltöffnungen aus, die bei Schwimmblättern immer auf der
Oberseite liegen. Sie stehen mit zahllosen Lufträumen und -kanälen
im Blattinneren in Verbindung. Ein solches aus großen
Interzellularen (luftgefüllte Hohlräume zwischen den Wänden
benachbarter Zellen) bestehendes, luftführendes Gewebe oder
Aerenchym ist für viele Wasser- und Sumpfpflanzen typisch. Es setzt
sich von den Blättern bis in die Wurzeln fort, dient somit der
Durchlüftung und sichert die Sauerstoffversorgung der Pflanze.
Darüberhinaus verleiht es Blättern und Stiel Auftrieb.
Ein
gewisses Analogon zu den Spaltöffnungen bilden die auf der
Blattunterseite der Seerosen
in der Epidermis liegenden Hydropoten. Auch diese Zellen, die in
unterschiedlicher Ausbildung bei vielen Pflanzenkörper und dem ihn
umgebenden Milieu. Diese Unterseite des Seerosenblattes ist geradezu
mit Hydropoten übersät. Offenbar gewährleisten sie einen
gesteigerten Nährstoffdurchtritt.
Auf
kleinstem Raum, in engster Nachbarschaft lebt hier eine unübersehbare
Fülle pflanzlicher und tierischer Organsimen auf dem Gewässer. Aber
schon auf den ersten Blick fällt auf, dass der an Steinen oder
anderen langlebigen Substraten anhaftende Aufwuchs meist noch weitaus
üppiger entwickelt ist. Es besteht wohl kaum ein Zweifel, dass
dieser bereits makroskopisch so deutlich zutage tretende Unterschied
auf den Einfluss der jeweiligen Unterlage zurückzuführen ist. Die
eben emporgetriebenen und am Ende der Vegetationsperiode wieder
absterbenden Seerosenblätter
können naturgemäß keinen derart dichten Überzug wie ausdauernde
Substrate aufweise. Ihr vielfach leicht flockig aussehender Aufwuchs
besteht daher aus schnellwüchsigen Formen mit einem kurzen
Entwicklungszyklus.
Woraus
setzt sich diese Lebensgemeinschaft zusammen? Die wesentlichen
Vertreter sind Algen. Ihre dichte, sehr unterschiedlich aufgebauten
Rasen haften fest am Substrat und trotzen dem Wellenschlag. Selbst im
sturmdurchwogten Wasser,
wenn sich die Schwimmblätter verübergehend gegen den Wind stellen
und teilweise übereinanderschieben, halten sie stand. Ein Blick
durch das Mikroskop zeigt mannigfaltige Hafteinrichtungen. Da sitzen
viele Grünalgenarten mit einer Baselscheibe an der Unterlage fest.
Manche Kieselalgen sind mit kleinen, andere mit langen Stielchen
verankert. Auch Gallertknöpfchen und -schläuche dienen zur
Befestigung.
Der
tierische Aufwuchs fesselt vor allem durch die Vielfalt seiner Formen
und Bewegungen. Pausenlos strudelt ein Heer von Wimper- und
Rädertierchen Nahrung heran. Neben reizvollen Glockentierarten,
deren Stiel blitzschnell kontrahiert wird, um sich dann langsam
wieder auszustrecken, kann man die zierlichen Gehäuse von
Vasentierchen (Vaginicola) bewundern. Bei Vaginicola subcrystallina
teilen sich sogar zwei Individuen in ein Gehäuse. Schon beim raschen
Durchmustern der entnommenen Blattprobe wird offenbar, das
keinesfalls in allen Gehäusen Ziliaten wohnen. Im Gesichtsfeld des
Mikroskops entdeckt man die teils durchsichtigen, teils
unduchsichtigen, häufig gelblich oder bräunlich gefärbten
Galltergehäuse von Rädertierchen. Bei der Gattung Floscularia sind
die Gehäuse oftmals durch einen Katballenbelag verstärkt. Die
Reusenrädertiere (Collotheca) fallen durch ihre mächtig
entwickelten Fangkörbe auf, in die massenhaft Algen und Urtiere
hineingeschleudert werden. Der Riese unter ihnen, die Fransenkrone
(Stephanoceros fimbriatus), sitzt in einem tonnenförmigen, mit
Detritus bedeckten Gehäuse und wird bis 1,5mm lang. Am Rand des
Blattstücks breitet sich auf einem relativ kleinen Ausschnitt ein
neues faszinierendes Bild. Der krustenförmige Überzug ist eine aus
Tausenden von Individuen bestehende Moostierkolonie. Auf ihr wimmelt
es von Glocken-, Trompetentierchen, auch wenigeborstige Würmer und
eine Unzahl weiterer Formen halten sich hier auf. Sie gehören ebenso
wie die im Algengewirr verankerten oder eingekeilten
Schalenamöbe und viele andere
freibewegliche Tiere, Fadenwürmer, Zuckmücken-, Köcherfliegenlarven
usw. zur Aufwuchsbiozönose.
Damit
sind jedoch keineswegs alle Bewohner der Seerosen erfasst. Zu den
größeren, augenfälligen Vertretern gehören die Süßwasserpolypen.
Für zahlreiche Wasserschnecken, Milbe, Libellen, Köcherfliegen und
Zuckmücken dient die Blattunterseite als Eiablageplatz. Es bedarf
schon einiger Erfahrung, um die oft lebhaft gefärbten, zum Teil in
Gallertmasse eingehüllten, in Reihen, Kreisen, Spiralen, Schnüren,
Platten und einfachen Klumpen abgelegten Eier der richtigen Art
zuzuordnen. Am einfachsten sind noch die mit zwei langen Atemröhren
ausgestatteten Eier der Stabwanze (Ranatra linearis) zu erkennen.
Über die durch Seerosenblatt
geschobenen Atemröhre erhalten die Eier den zur Entwicklung
notwendigen Sauerstoff. Schließlich kann man hin und wieder an der
Blattunterseite der Seerosen festgesponnene Köcherfliegen- und
Zuckmückenpuppen entdecken.
Verblüffend der
überwältigende Reichtung an pflanzlichen und tierischen Organismen
auf so kleinem Raum der Seerosenblätter.










